November 2020: “Die Vereinigung im Feindbild ist auch eine Funktion von Verschwörungsideologien”


Interview mit Pia Lamberty (“Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“, 2020)

Verschwörungserzählungen sind nicht erst mit 9/11 und der Covid-19 Pandemie aufgetaucht, sondern in einer antisemitischen Tradition zu verorten.
Die vergangenen Monate haben gezeigt, welches Politisierungs- und Mobilisierungspotential der antisemitische Glaube an Verschwörungen hat und welche Gefahr von diesem ausgeht. Dass Antisemitismus dabei als ideologischer Kitt elementar ist, ließ sich deutlich auf den sogenannten Querfrontdemos beobachten: vom imaginierten Impfzwang zur offenen Schoarelativierung fantasieren sich die Teilnehmer:innen als Opfer geheimer Mächte und bedienen etwaige antisemitischen Chiffren.
Dass die Sehnsucht nach möglichst simplen Erklärungen und die Überforderung mit komplexen Zusammenhängen in antisemitischer Projektion, Hass und Gewalt mündet, muss ernst genommen werden. Es reicht nicht, sich über krude Theorien zu amüsieren. Es ist notwendig, die Gefahr ernstzunehmen und jeglicher Form von Antisemitismus entschieden zu widersprechen. Unlängst hat sich bewiesen, dass dem Wahn auch Taten folgen. Dem sogenannten Sturm auf den Reichstag folgten ein Brandanschlag auf das Robert-Koch Institut, die Beschädigung von insgesamt 63 Kunstwerken auf der Museumsinsel und einem Sprengstoffanschlag in Mitte.
Um das aggressive Potential besser einordnen und verstehen zu können, hat die Emanzipative Antifaschistische Gruppe Pankow mit der mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty über die psychologische Einordnung von Verschwörungsideologien gesprochen. Sie arbeitet seit Jahren zu Verschwörungsglauben und promoviert zu dem Thema “Conspiracy Theories as a Radicalization Multiplier? The development and consequences of conspiracy beliefs”. Im Sommer erschien das Buch “Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmten”, das sie zusammen mit Katharina Nocun veröffentlicht hat.

[gekürzter Klappentext:] “Katharina Nocun und Pia Lamberty beschreiben, wie sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft durch Verschwörungstheorien radikalisieren und die Demokratie als Ganzes ablehnen. […] Fake News und Verschwörungserzählungen, darin waren sich Experten weltweit einig, haben sich direkt zu Beginn der COVID-19-Pandemie ähnlich rasant verbreitet wie das Virus selbst. Bereits im Februar 2020 warnte der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, dass die Welt es nicht nur mit einer Pandemie, sondern auch mit einer “Infodemie” zu tun habe. Viele der Mythen, die weltweit Verbreitung fanden, kreisten um die Idee, dass es sich bei dem Virus um eine Biowaffe handele, die angeblich in einem Labor, dem Wuhan Institute of Virology, hergestellt worden sei. Einige Medien zitierten noch im Januar 2020 “Experten”, die darüber spekulierten, ob das Virus das Produkt eines chinesischen Biowaffenexperiments sein könnte. Im Netz kursierten zahllose Verschwörungserzählungen, die sich mit dem neuartigen Coronavirus befassten. In YouTube-Videos und Blogs wurde etwa verbreitet, Microsoft-Gründer Bill Gates sei für die Pandemie verantwortlich. Einige Verschwörungsideologen mutmaßten zudem, es hätte bei der COVID-19 Pandemie keine Todesopfer gegeben und bei den Angehörigen und ehemals Erkrankten, die in der Presse zu sehen waren, handele es sich allesamt um bezahlte Schauspieler. Eine solche Haltung kann gefährliche Konsequenzen haben. Wer meint, dass das Virus nicht gefährlicher sei als eine Erkältung, hält sich nicht an empfohlene Maßnahmen. So gefährdet man nicht nur sich selbst, sondern wird auch zum Risiko für andere.”

Zu Beginn würden wir gerne von dir wissen, warum es überhaupt eine psychologische Analyse von Verschwörungserzählungen braucht.
Ich glaube, dass es einen multiperspektivischen Blick braucht, wenn man ein Thema wirklich verstehen möchte. Die Sozialpsychologie, in meinem Fall die quantitative, kann aufzeigen, welche Ursprünge der
Verschwörungsglauben im Individuum hat und zu welchen Konsequenzen das führt. Wir wissen dadurch zum Beispiel, dass nicht nur ein Kontrollverlust den Verschwörungsglauben verstärken kann, sondern auch, dass ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit und Narzissmus eine Rolle spielen. Die Schwachstellen der Psychologie sind die Einbettung dieser Erkenntnisse in gesellschaftliche Verhältnisse. Deswegen braucht es eben den Austausch mit anderen Wissenschaftler:innen und Expert:innen – auch aus der Zivilgesellschaft. Das findet zum Beispiel bei dem von der EU geförderten Netzwerk „Comparative analysis of conspiracy theories in Europe” statt.


Ihr beschreibt in eurem Buch verschiedene psychische Funktionen, die Verschwörungserzählungen bedienen. Besonders zentral taucht dabei immer wieder die Entlastung als Reaktion eines empfundenen Kontrollverlusts auf. Woran liegt es, dass Menschen ganz unterschiedlich mit dem Gefühl von Kontrollverlust umgehen und dies bei einigen eben in Verschwörungserzählungen endet?
Das Bedürfnis, Kontrolle zu haben, ist für Menschen ziemlich elementar.
Es gibt bspw. Studien die zeigen, dass eine Behandlung beim Arzt für
Menschen schmerzhafter ist, wenn sie das Gefühl haben, der Behandlung ausgeliefert zu sein. Jetzt reagieren aber Menschen nicht alle gleich auf diesen Kontrollverlust, wie Ihr schon beschrieben habt. Die Pandemie bedeutet für die meisten Menschen Stress und Anspannung. Damit kann man dann umgehen, indem man beispielsweise Gesichtsmasken genäht oder sich sozial engagiert hat. Sowas steigert auch die Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, in Kontrolle zu sein. Andere wiederum sehen Muster, wo keine sind und projizieren alles auf Feindbilder. Woher genau diese Unterschiede kommen, ist noch nicht klar. Es gibt zum einen ja interindividuelle Unterschiede, wie sehr Menschen dazu neigen, an Verschwörungen zu glauben. Auch Faktoren wie ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit oder Narzissmus können hier eine Rolle spielen.

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November 2020: Gedenken an die Reichspogromnacht – 09. November

Am 9. November 2020 gehen wir in Gedenken an die antisemitischen Novemberpogrome 1938 in Moabit auf die Straße.

Kundgebung:
Montag, 9. November 2020 um 18:30 Uhr am Synagogen-Gedenkstein in der Levetzowstraße 7.


“Am 9. November 1938 fanden die Novemberpogrome ihren Höhepunkt. Im deutschen Herrschaftsbereich wurden Jüdinnen*Juden vergewaltigt, inhaftiert, verschleppt und ermordet. Jüdische Geschäfte, Wohnungen, Gemeindehäuser und Synagogen wurden geplündert, zerstört und in Brand gesetzt. Auf den Straßen entfesselte sich der deutsche antisemitische Terror, der in der Nacht staatlich angestoßen und orchestriert wurde. SA und SS führten unterstützt durch Polizei und Feuerwehr die Morde, Brandstiftungen und Verwüstungen an. Die nicht-jüdische Bevölkerung beteiligte sich an dem Pogrom oder stimmte mit ihrem Schweigen zu. Insgesamt wurden in den Tagen um den 9. November 1.300 Jüdinnen*Juden ermordet, über die Hälfte der Gebetshäuser und Synagogen in Deutschland, Österreich und dem annektierten Sudetenland wurden zerstört. Ab dem 10. November erfolgte die Deportation von 30.000 Jüdinnen*Juden in Konzentrationslager. Die Pogrome waren Wegbereiter für die Shoah.”
[weiterlesen]

Die vollständige Broschüre findet ihr aber auch bereits auf unserer Homepage: http://9november.blogsport.eu/material/broschuere/

Oktober 2020: Gedenk-Aufkleber gedruckt

Die islamistisch motivierten Mordattacken in Paris, Nizza, Wien und Dresden haben uns in den letzten Wochen schockiert. Die Notwendigkeit, gegen islamistische Ideologie und ihre Vorstrecker*innen vorzugehen, hat sich darin erneut bestätigt.
Wir haben uns darum dazu entschlossen, den Opfern des islamistischen Terrors, mehrere Aufkleber zu widmen. Sie wurden an verschiedensten Orten in der Stadt verklebt.

Der Protest gegen den jährlichen islamistischen AlQuds-Marsch in Berlin ist ein zentrales Projekt unserer Gruppe und so begleitet das Thema uns seit mindestens 2008.


Es mündete auch in mehreren Broschüren-Projekten, die sich mit dem Themenbereich beschäftigten:


Handout “Deutschland und der Iran” 2019

Handout “Zwischen den Stühlen” 2018

Broschüre zum AlQuds-Tag 2015

Broschüre zum AlQuds-Tag 2011

August 2020: Materialien und Audios zu den “Faschismustheorien”-Vorträgen

Die Audio-Datei der ersten Veranstaltung ist hier eine Woche lang nachzuhören:
https://soundcloud.com/eag-berlin/160409_002a

Der Referent Mathias Wörschin empfielt in Vorbereitung der Vorträge folgende Texte zu lesen:

Faschismusbegriff und -definition:
1) https://faschismustheorie.de/…/17-10-18-Faschismusdefinitio…

2) https://www.rosalux.de/…/Manuskripte_26_Faschismusstudie.pdf (S. 17/18)

Aktualität des Faschismus:
1) Interview mit M.W. im aktuellen AIB 126

Für beide Veranstaltungen:
1) https://faschismustheorie.de/…/2…/01/Woersching-iz3w-379.pdf

August 2020: Veranstaltungen zu Faschismustheorien

Das Wort „Faschismus“ diente schon immer nicht nur als sinnvolle Analysekategorie, sondern auch als grenzenlos gebrauchter Kampfbegriff. Insbesondere von linker Seite wurde dieser Begriff nicht selten auf alle möglichen autoritären und menschenfeindlichen Tendenzen ausgeweitet und dadurch analytisch entwertet.
Trotzdem lassen sich aus den jahrzehntelangen Forschungen und Theoriedebatten zum Faschismus einige Erkenntnisse gewinnen, die für heutige Herausforderungen und Kämpfe wichtig sind. Im ersten Teil der Veranstaltung („Was ist Faschismus?“ – 19.8.) wollen wir einen sinnvoll anwendbaren, einigermaßen genauen Faschismusbegriff erarbeiten. Im Mittelpunkt steht dabei die historische Epoche des Faschismus zwischen dem Ende des Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1918-1945).
Im zweiten Teil der Veranstaltung („Wo droht Faschismus?“ – 25.8.) wollen wir schauen, was uns die historisch gebildeten Kriterien und Begriffe für die heutige Zeit zu sagen haben: Lassen sich „Damals“ und „Heute“ überhaupt vergleichen? Entstehen oder existieren auch heute faschistische Massenbewegungen oder sogar Herrschaftssysteme? Müssen wir vielleicht sogar eine neuerliche Epoche des Faschismus befürchten?
Der erste Teil der Veranstaltung bildet die inhaltliche Grundlage für den zweiten Teil. Deswegen empfiehlt es sich nicht, nur den zweiten Teil mitzunehmen. Eine Aufnahme des ersten Teils und einige Lesetipps werden Interessierten online zur Verfügung gestellt.

Beide Veranstaltungen finden im ://about blank (Markgrafendamm 24c, S-Bhf. Ostkreuz) statt und beginnen um 19:00 Uhr.

// Die Veranstaltung ist kostenlos und barrierearm.
// Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt. Es gelten die gängigen Hygiene- und Abstandsregeln.

Juli 2020: Audio-Dateien von EAG-Vorträgen

Auf unserem Soundcloud-Account haben wir mehrere Vorträge, die auf unseren Veranstaltungen in den letzten Jahren gehalten wurden, veröffentlicht.

Sie sind hier nachzuhören:
Vortrag “Rechtsextremismus und Islamismus in türkeistämmigen Milieus in Deutschland” (März 2019)
“Islamophobie – Kampfbegriff gegen Islamkritik” – Vortrag von Klaus Blees (Mai 2018)
»40 Jahre Frauentagsdemo in Teheran – Zur Situation von Frauen« – Vortrag mit Fathiyeh Naghibzadeh (Mai 2019)

Weitere Vorträge, die wir organisierten, wurden zu anderer Gelegenheit schon aufgezeichnet. Sie sind hier zu finden:
-“Incels – Sprache und Ideologie eines frauenverachtenden Online-Kults” – Vortrag mit Veronika Kracher
“AntiBa – Antifaschismus in Zeiten von AfD und Djihadismus” – Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

Weitere werden folgen.

Juni 2020: Film “Die Geschichte der Schönholzer Heide” online erschienen

Jährlich finden im Rahmen unserer Pankow-Befreiungs-Feier Rundgänge zur Geschichte der Schönholzer Heide statt. Der diesjährige Rundgang musste aufgrund des Corona-Lockdowns ausfallen, wie alle geplanten Veranstaltungen für das Wochenende. Auch die geplante Online-Film-Premiere musste verschoben werden.

Seit dem 21. Juni ist der Film nun online abrufbar.

Er soll so noch mehr Menschen die wechselhafte Geschichte dieses Parks näherbringen.

Juni 2020: Der Nazi-Stein von Französisch-Buchholz ist weg!

Wie wir gerade erfahren haben wurde der Nazi-Stein von Französisch-Buchholz wohl in den letzten Tagen entfernt.

Wir werten es als großen Erfolg unserer Kampagne und der kritischen Presse-Öffentlichkeit, dass der Stein nun weg ist.

Antifaschistischer Druck kann etwas bewirken!

Ob die Zusammenarbeit der Verantwortlichen, allen voran Michael Schöps, mit der Neonazi-Partei “Der III. Weg” ebenfalls eingestellt wurde, bleibt zu beobachten.

#französischbuchholz #nazistein #nonazis #derdritteweg #antifa

Mai 2020: Aufkleber gegen den Nazistein

In der vergangenen Nacht wurden in Französisch Buchholz (Berlin-Pankow) an die 1.000 Antifa-Aufkleber verklebt, die auf den Nazi-Stein auf dem Gelände des “Wohnpark Bismarck” hinweisen. Es wurde die Entfernung des Steins und die Verhinderung weiterer “Heldengedenken” mit Neonazi-Beteiligung gefordert. Ebenfalls wurde der Initiator des Steins, der Unternehmer Michael Schöps, öffentlich gemacht.

Auf Indymedia ist ein Artikel erschienen, der die Chronologie noch einmal zusammenfasst: weiterlesen

Mai 2020 – Recherche: Die Seniorenresidenz „Wohnpark Bismarck“ und die Neonazipartei “Der III.Weg” (ergänzt)

Im Pankower Stadtteil Französisch Buchholz in der Hauptstraße 63 liegt die Seniorenresidenz mit dem vielsagenden Namen „Wohnpark Bismarck“. Die Geschäftsführung hat wohl Verbindungen zur neonazistischen Kleinstpartei „Der III.Weg.



Auf dem komplett umzäunten Gelände des Seniorenheims befindet sich seit 2018 ein Denkmal, das in geschichtsrevisionistischer Weise an die beiden Weltkriege erinnert.(1) Das circa 1.30 Meter und 60 mal 60 cm breite Monument ist an allen vier Seiten beschriftet. Auf den jeweiligen Seiten ist zu lesen „Den gefallenen Deutschen Helden beider Weltkriege“, „Den Opfern des alliierten Bombenterrors“, „Zur Erinnerung an die deutschen Heimatvertriebenen“ und „Du sollst an Deutschland Zukunft glauben, an deines Volkes Aufersteh’n“(sic!).

Außerdem sind auf dem Gelände des Wohnparks neben etlichen Bismarck-Statuen und -Büsten auch die Bundesflagge mit dem Eisernen Kreuz in der Mitte und eine schwarz-weiß-rote Fahne an Fahnenmasten angebracht.(2) Das Heim scheint sich mit seiner Namensgebung und Gestaltung speziell an rechte Senior*innen zu richten.